Thüringer Allgemeine 28.6.2010

 

Wo gibt es denn so etwas? Franz Schuberts "Schäfers Klagelied" wird zur Ziegenmusik, der Beatles-Song "piggies" zur, ja gewissermaßen Schweinemusik. Und der Kanon ist den Kühen gewidmet, da diese bekanntlich Wiederkäuer sind. Unweigerlich befindet man sich inmitten in der Landmaschinensinfonie der Stelzenfestspiele bei Reuth. Dass die, einmal im Jahr aufgeführt, erneut über tausend Besucher spätabends in ein abgelegenes Dörfchen namens Stelzen zu locken vermag, so wie am vergangenen Freitag, scheint ein Phänomen zu sein. Tierisch und sehr geheimnisvoll präsentiert sich die ST 210/B5, so der diesjähriger Titel der Sinfonie der Landmaschinen, dem Publikum. Erst sind da Fahrradreifen, die die Landmaschinensinfoniker um Henry Schneider mit Schleifpapier zum Quietschen und Tönen bringen. Es ist dunkel in der Festspielscheune und mucksmäuschenstill, als sich eine Kugel hoch oben über den Köpfen des Publikums ihren Weg sucht und Kuckucksuhren, von Klangkünstler Erwin Stache inszeniert, miteinander zu kommunizieren scheinen. Jetzt sind die landwirtschaftlichen Nutztiere auf der Großleinwand an der Reihe: schmatzende und leckende, sudelnde, den Kopf hin und her schüttelnde Kühe beim Fressen. Dazu hat Landmaschinensinfoniker Wolfgang Heisig einen Kanon gestellt und so den musikalischen Wiederkäuerstil entwickelt. Schnell, emsig und geschickt picken die Hühner, aufgenommen als Video in einem Stelzener Stall. Pick, pick, pick. Im Takt dazu bewegen sich Sebastian und seine Kollegen im Steptanz. Schmatzend zu den fröhlichen Tönen der Landmaschinensinfoniker zeigen sich die Schweine auf der Leinwand. Als Franz Schubert einst "Schäfers Klagelied" schrieb, so Wolfgang Heisig, soll er dabei ein bestimmtes Gebäck verzehrt haben. Genau das hatte Heisig für das Publikum dabei, versteckt unter den Sitzbänken: Zwieback. Per Kauen unterstützten die Zuhörer dann die Ziegenmusik, die sich aus Schuberts Lied und dem Song "Goat" von Don Chambers zusammen setzt. Das macht dem Publikum Spaß, schmeckt und schürt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Ziegen im Video an der Wand komplettieren das fressende, musikalische Schauspiel. Ein Geheimnis offenbart sich dann dem Publikum: Die Gülleorgel, hoch oben an der Decke , bewegt sich wie durch Geisterhand. Klickend Töne von sich gebend, die Schläuche zuckend, öffnet sich das grüne Monstrum. Breit und mächtig zeigt sich die Gülleorgel stolz in voller Größe als die wahre Königin des Instrumentariums in der Festspielscheune. Laut und eindringlich sind ihre Töne. Mittels eines 4000 Liter Luftmenge liefernden Kompressors wird die Orgel vom Boden aus über eine Klaviatur bedient. Aber das ist noch nicht alles an diesem Abend: Ein Akkordeon, an der Scheunendecke hängend, musiziert und lockt, schlängelt sich hoch und nieder, ein zweites, gegenüber, scheint zu antworten. Tenor Gerald Kaiser wird bejubelt, das Schaufelwasserdruckorchester bestaunt, die Waldarbeiter aus Stelzen werden angefeuert. Es ist nach Mitternacht, als die wohl eigenwilligste Sinfonie, die dem Landleben gewidmet ist, von Leuten aus ganz Deutschland beklatscht wird.

Westfälische Nachrichten 5.2.2010

 

Der Star an diesem Abend war einhundert Jahre alt, weiblich, verfügt über eine kräftige Lunge und eine beeindruckend sportliche Kondition. Ihr Name lautet Phonola. Sie braucht einen Diener, einen Bediener. Einen wie Wolfgang Heisig, der die Phonola zum Leben erweckt. Ist das geschehen, geht es so richtig los. ... Die Masse an Tönen, vor allem aber deren aberwitziges Tempo ist extrem - und berührt ein Ideal, das der Bewegung des Futurismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichtig war: die "Schönheit" der Geschwindigkeit.

Süddeutsche Zeitung 28.1.2008

 

Eingebettet waren Staches Uraufführungen zwischen den bizarren Rhythmus-Pattern "Acht" von Steffen Schleiermacher ... und die "Study No. 41" für zwei Player Pianos von Conlon Nancarrow. ... Wolfgang Heisig und Rex Lawson vermochten mit ihrer geschickten Handhabung von Dynamik und Geschwindigkeit dieser Maschinenpoesie expressive Delikatesse zu verleihen.

Süddeutsche Zeitung 8.2.2006

 

Der US-Amerikaner Conlon Nancarrow, Jahrgang 1912, hatte im Exil der mexikanischen Wüste jahrzehntelang an seinen "Studien für mechanisches Klavier" gefeilt. Es waren halsbrecherische Kanons, bei denen für jede Stimme die Uhren anders zu ticken schienen. Erst als sie auf Platte erschienen, stand der mittlerweile 70-jährige Nancarrow plötzlich im Zentrum der Avantgarde. Wolfgang Heisig hat sich mit seiner Phonola seit Jahren dieser wilden Stücke angenommen, die mit bis zu 200 Anschlägen pro Sekunde nicht nur jede manuelle Ausführung unmöglich machen, sondern auch die Klaviermechanik an Belastungsgrenzen treiben. Was man hört, sind fulminante Schwärme von Tönen, hoch spannende Rhythmusüberlagerungen und immer auch ganz klare, freilich komplexe Strukturen.

Positionen Nr. 64 2005

 

Basierte diese auf erfindungsreichen Klanghandlungen im Raum (Erwin Stache), steckte bei der nächsten Uraufführung der Witz im Wort-Klang-Detail: bei Wolfgang Heisigs HABseligkeiten für fünf E-Gitarren, gespielt von dem Münchener Ensemble Go Guitars. Die drei Anfangsbuchstaben aus dem Schönsten deutschen Wort des Jahres 2004 - eben Habseligkeiten - hatte der Musikerfinder aus Leisnig im Muldental in neun Worten bzw. Wortgruppen entdeckt. Deren Inhalte wiederum bildeten den Ausgangspunkt für insgesamt neun Musikminiaturen. Selten findet man in der neuen Musik ein solch originelles Zusammentreffen von alltäglichen Beobachtungen aufgehoben in einer Dialektik aus Witz und Geist.

Süddeutsche Zeitung, 21.6.1999

 

Wer das andere sucht, ist bei Josef Anton Riedls Klang-Aktionen richtig. Das schönste andere kam am Schluß. "Zeichen" hieß das merkwürdig apokryphe neue Stück des ostdeutschen Schrägdenkers Wolfgang Heisig. Mit seiner Phonola, einem Walzenklavier-Automaten, lockert er seit Jahren starreStrukturen des avantgardistischen Musiklebens. Sie wirkt wie ein Doppeldecker auf einem Düsenjet-Flughafen, der zu spät gelandet ist, aber liebenswert bockig auf seinen Stellplatz beharrt. Lochstreifen, mit denen die Phonola gefüttert wird, mimen das Computer-Zeitalter. Und wirklich: Hier im schütter Unrationalisierten hört man noch ein Herz schlagen, eine Seele schwingt sich zum Flug.

Münchner Abendzeitung, 7.4.1998

 

Noch so ein Unding: die Phonola. Der Zwickauer Wolfgang Heisig liebt dieses Klavier-Zusatzinstrument. Es erspart dem Interpreten den Fingersatz, mit Hilfe von Hebeln reguliert er jedoch Dynamik und Tempo - und damit die Lebendigkeit. Heisigs Stück "se io ho ben la tua parola intesa" für zwei Klarinetten, Violine und Phonola zeigte bei der Uraufführung im Gasteig, daß Maschinen auch für feinste Kammermusik taugen.

Berliner Zeitung, 22.9.1997

 

Einzig die beiden Kompositionen von Wolfgang Heisig machten erkennbar, daß es für Neo-Dadaistische Sprachklangkompositionen heute noch Raum gibt. "Mein Käfich" zum Beispiel spielt nicht nur im Titel auf Cage an. Cage selbst wird Musik, da Heisig dessen digital gerastertes Portrait auf den Lochstreifen einer Phonola-Walze bringt und diese - gefühlvoll den Blasebalg tretend - interpretiert, während gleichzeitig ein Text von Cage, durch Gottfried Röszler auf seine Personalpronomen reduziert, in rhythmisierter Form verlesen wird. Das ergab 307mal "ich" und seine grammatikalischen Varianten: hier hält ein Ost-Narr dem Westen einen Spiegel vor.

Leipziger Volkszeitung, 6.9.1997

 

Regionale und internationale Musiker ... suchen auch diesmal wieder nach den Grenzen zeitgenössischer Hörkunst. ... Bei Wolfgang Heisigs Auftakt auf der Phonola, einem mechanischen Klavier, rauschen dem Publikum Klänge um die Ohren, so komplex und rhythmisch verschachtelt, daß sie kein Pianist aus Fleisch und Blut darstellen könnte.

Leipziger Volkszeitung, 28.10.1994

 

Für Kenner der bildenden Kunst ist die Städtische Galerie Grimma seit Jahren eine gute Adresse. Die Sensation der Eröffnung war für das zahlreich erschienene Publikum die Vorführung eines längst in der Versenkung der Geschichte verschwundenen mechanischen Musikapparates, der Phonola.

Leipziger Volkszeitung, 11.5.1992

 

Einen seltenen Musikgenuß konnten die Konzertbesucher am Freitagabend erleben: Wolfgang Heisig stellte im Döbelner Rathaussaal Musikwerke verschiedener Komponisten sowie eigene Kompositionen auf einer Phonola vor.

Der Tagesspiegel, 22.6.1992

 

Zum Besten der DDR gehörte es, daß sie in ihren Nischen so manchen Eigenbrötler von nahezu spitzwegschem Format ungestört vor sich hin werkeln ließ. Der Komponist und Klangtüftler Wolfgang Heisig hegte im sächsischen Westewitz seine Phonola-Leidenschaft. ... Mit der originalen Klangfülle von Schumanns "Kreisleriana" oder Heisigs eigener "Etüde kwic & kwoc" konnte der sächsische Phonolist im Goethe-Institut sogar die Büchsenwürfe des Getränkeautomaten mühelos übertönen.

Kieler Nachrichten, 25.10.1991

 

Wolfgang Heisig, ..., machte es dank seiner mitgebrachten Phonola nun auch im Kieler Kulturviertel möglich, Werke von dem immer bekannter werdenden Conlon Nancarrow live zu erleben.

 

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